Hagenbergschule als Vorbild für Niedersachsen

„Bin beeindruckt“: Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) besucht zum Schuljahresstart Göttinger Brennpunktschule

Göttingen. „Hattet ihr schöne Ferien?“, erkundigt sich die Frau in dem schwarz-weiß gemusterten Kleid bei den Kindern in der Pausenhalle der Hagenbergschule. „Eure Schule ist eine ganz, ganz besondere in Niedersachsen“, lobt sie – und die Schüler applaudieren der niedersächsischen Kultusministerin. Was aber macht die Hagenbergschule so besonders, dass sie am ersten Tag nach den Sommerferien von Julia Willie Hamburg (Grüne) besucht wurde?

Die Kultusministerin ist am Donnerstag angereist, um sich ein Bild von der Göttinger Grundschule zu machen, die am Start-Chancen-Programm teilnimmt. Das Bildungsprogramm des Bundes unterstützt Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schüler. Hamburg möchte sehen, warum es hier anders funktioniert – und was Schulen in Niedersachsen davon lernen könnten.

Eine Führung durch die Klassenräume zeigt schnell, was an der Hagenbergschule anders läuft als anderswo. Da liegen Grundschüler auf dünnen Gymnastikmatten und lösen Aufgaben. Andere stehen auf genoppten Gummischeiben an einem Rolltisch, aufmerksam auf ihre Rechenübungen blickend. Vertieft in den Unterrichtsstoff nehmen sie von der Ministerin und ihrer Entourage kaum Notiz, es herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre.

Die unkonventionellen Lernmethoden, die an der Hagenbergschule zum Einsatz kommen, gehören zum sogenannten Churer Modell. Der Ansatz kommt aus der Schweiz und wurde dort vom ehemaligen Vizeschuldirektor und Pädagogen Reto Thöny entwickelt. Ziel ist es, den jeweiligen Bedürfnissen der Kinder beim Lernen gerecht zu werden – und sie nicht zu „45 Minuten Stillsitzen am Stück“ zu drängen, sagt Konrektorin Julia Grundmann.

Kein Frontalunterricht, sondern eigener Lernstil

Stattdessen solle der Raum, also das Klassenzimmer, „als Partner genutzt werden“, sagt Schulleiter Ralph Birkholz. „Es gibt keinen Frontalunterricht und keine statische Sitzordnung“, ergänzt Grundmann. Stattdessen arbeiten die Schüler liegend, hockend, an Stehtischen. Die ersten zehn Minuten einer jeden Schulstunde finden am Gruppentisch statt, wo neue Inhalte gemeinsam besprochen werden. Anschließend kann sich jedes Kind aussuchen, in welcher Position es arbeiten möchte und ob es lieber allein oder mit einem Klassenkameraden lernt.

„Die Schüler profitieren davon“, sagt Birkholz. Es helfe ihnen, ihren eigenen Lernstil zu finden. Außerdem ermögliche es den Lehrkräften, Kompetenzen der Kinder zu erkennen und sie entsprechend zu fördern. Ministerin Hamburg gefällt der Ansatz. „Ich bin beeindruckt“, fasst sie ihre Eindrücke zusammen. Die Herangehensweise „mit dem Fokus auf das einzelne Kind“ eigne sich sicherlich auch für andere Schulen in Niedersachsen.

Das selbständige Lernen rüste die Schüler für ihr weiteres Leben, findet Hamburg. „Gerade wenn das zu Hause nicht so vermittelt wird, kann es hier aufgefangen werden.“ Dem Land Niedersachsen sei es ein Anliegen, „Schulen, die sich – wie die Hagenbergschule – pioniermäßig auf den Weg machen“, zu unterstützen. Die Ministerin bewundere den „Mut, einen neuen Weg zu gehen“ – und das mit einer „herausfordernden Schülerschaft“.

Der herausfordernden Schülerschaft begegnet die Hagenbergschule nicht nur mit dem Churer Modell. „In den vergangenen drei Jahren hat sich die Schule mit vielen Veränderungen neu aufgestellt und sich damit auch für den Schulpreis beworben“, sagt Schulleiter Birkholz. Es gebe ein Gewaltpräventionsprogramm, das „den Umgang miteinander“ lehre. Das sei wichtig für eine Brennpunktschule und habe sich ausgezahlt: „Wir haben hier verhältnismäßig wenig Probleme.“ Und: An der Grundschule liege ein besonderer Schwerpunkt auf der Inklusion. „Heterogenität kann hier sein und wird gelebt“, unterstreicht Birkholz.

Den Besuch der Ministerin bezeichnet der Schulleiter als „Ritterschlag“. „Wir sind anders und freuen uns, dass das gewürdigt wird.“ Gemeinsam weihen Birkholz und Hamburg bei der Gelegenheit das neue Mottobild der Schule ein: Eine Weltkarte, die „Vielfalt abbilden“ und zeigen soll, dass die Schüler „aus aller Herren Länder kommen“. Dann wird der Schulsong angestimmt – „Zusammen stark“. Die Kinder besingen inbrünstig das „Wir-Gefühl“ der Schule. Die Ministerin lauscht. Und der Gemeinschaftsgeist, den die Schule so hoch hält, scheint in diesem Moment tatsächlich die Pausenhalle zu erfüllen.

Quellenangabe: Göttinger Tageblatt vom 18.08.2025

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