Tageblatt-Serie zu den Wahlen: Baustellen, Wohnungsnot und soziale Fragen stehen in Göttinger Weststadt im Fokus
Fünf Jahre ist es her, dass die Tageblatt-Redaktion vor den Kommunalwahlen 2021 sämtliche Orts- und Stadtteile Göttingens besucht hat. Im Gepäck immer dieselbe Frage: Was bewegt die Menschen vor Ort? Im September 2026 wird wieder gewählt. Was also bewegt die Menschen heute? Welche Probleme wurden in den vergangenen Jahren gelöst? Welche sind geblieben, welche neu hinzugekommen? Die Weststadt ist der zweite der 18 Göttinger Stadtbezirke, dessen Menschen diese Fragen beantworten.
Die Weststadt ist zurzeit schlecht erreichbar, zumindest für Autofahrer. Eines der Hauptprobleme der Menschen vor Ort sind die Baustellen, die sie umfahren müssen – unter anderem ist der Godehardkreisel noch bis Mai gesperrt. Weitere Baustellen werden folgen, denn die Weststadt ist im Wandel. Ein Beispiel dafür: die Stadterneuerung der Weststadt westlich des Maschmühlenwegs durch das Bundesprogramm „Sozialer Zusammenhalt“.
Weststadtzentrum noch im Umbau
Rund um das Weststadtzentrum an der Pfalz-Grona-Breite und dem Weststadtplatz ist das meiste schon umgesetzt. Dieses Jahr soll noch die Erschließung des Kulturzentrums Musa erfolgen. Der Freiraum zwischen Musa und den Containern an der Leine wird neu gestaltet. Das Haus der Kulturen soll erhalten bleiben, auch wenn bisher nicht klar ist, ob die Stadt es kaufen kann. Das Weststadtzentrum ist bereits neu eröffnet, aber es finden noch Bauarbeiten zugunsten des offenen Orts für die Anwohner statt.
Auf der positiven Seite steht eine lange Liste von Maßnahmen, die längst umgesetzt wurden: Die Calisthenics-Sportanlage lag beispielsweise vor fünf Jahren noch nicht neben der Feuerwehr. An der Leineaue gibt es neue Spielgeräte. Wege und Straßen in der Weststadt sind mittlerweile auch nachts beleuchtet. Zwei Jugendunterstände stehen allen offen, die fernab ihrer Elternhäuser Zeit miteinander verbringen wollen.
„Wir sind auf der Zielgeraden“, sagt Bastian Tölke. Er leistet Stadtteil- und Quartiersarbeit im Sanierungsbüro der Weststadt, ist beim Verein Jugendhilfe Göttingen angestellt. „Das Sanierungsbüro ist das Scharnier zwischen Bund, Stadt, Planungsbüro und Menschen, die hier wohnen“, sagt Tölke.
Baustelle am Godehardkreisel seit erstem Tag ein Thema
Tölke hat Ende 2023 seine Arbeit in der Weststadt aufgenommen. „Seit dem ersten Tag ist die Baustelle am Godehardkreisel hier ein Thema“, sagt er. Genau wie die Müllproblematik an einigen Straßenzügen und auf öffentlichen Plätzen. Von Falschparkern und Autos ohne Kennzeichen, die „nur herumstehen“, höre er ebenfalls oft.
Das kann Sophie Wagner, Leiterin des Weststadtzentrums, bestätigen. Ein weiteres Problem: „Manche Weststadtbewohner fühlen sich nicht wahrgenommen, weil das Neue Rathaus weit weg ist und sie sich schlecht informiert fühlen.“
Diese Herausforderung ist nicht neu, das war sie auch vor fünf Jahren nicht. Denn die Weststadt hat als Teil der Kernstadt keinen eigenen Ortsrat und damit keine Bürgervertretung im klassischen Sinne. Sich damit einfach abfinden wollten die Bürger aber nicht und gründeten vor 30 Jahren die Weststadtkonferenz.
Darin kommen Einrichtungen, Initiativen und Privatpersonen zusammen, um Probleme und Ideen zu besprechen und sie dann über die entsprechenden Wege an die Stadtverwaltung heranzutragen.
Gabi Radinger ist dort Stammgast. Sie ist im Kulturzentrum Musa unter anderem für die Stadtteilarbeit zuständig. „Die Weststadt ist heterogen und streckt sich weit.“ Neben der Weststadtkonferenz besucht sie auch das Forum Göttingen Nord-West. Diesen Zusammenschluss von Bürgern vom Hagenberg, Holtenser Berg und aus Holtensen gibt es seit 2022 – auch hier aus der Idee heraus, eine Interessenvertretung vor Ort zu schaffen.
Die Menschen vom Hagenberg und Holtenser Berg profitieren davon politisch wie zwischenmenschlich. Bernd Leonhardt aus dem Vorstand der Weststadt-Gemeinde auf dem Hagenberg und Thomas Danneboom, Musiklehrer und im Organisationsteam des Mittelalterfestes „Spectaculum Pfalz Grona zu Göttingen“, sind im engen Austausch mit ihren Nachbarn.
„Wir waren ja auch mal geografisch verbunden, bis die Schneise zwischen Hagenberg und Holtenser Berg gezogen wurde“, sagt Leonhardt. Und beide Berge lebten von den Menschen, die sich einbringen und etwas auf die Beine stellen. „Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass der andere Berg nicht blau wird“, sagt Leonhardt mit Blick auf die Kommunalwahlen im September. Bis zu 22 Prozent erreichte die AfD in Wahlbezirken auf dem Holtenser Berg 2021. „Wir lagen noch unter der 20-Prozent-Marke“, sagt Danneboom über den Hagenberg.
Das „Spectaculum“ ist die Errungenschaft der vergangenen fünf Jahre, fand es doch schon zweimal statt und soll am 29. und 30. August zum dritten Mal ganz Göttingen auf dem Hagenberg zusammenbringen – am ehemaligen Sitz der Kaiser auf der Pfalz. „Das ist alles zu 100 Prozent Ehrenamt“, sagt Danneboom. Mehr als 120 Menschen zählten zum Team. „Ohne die Kirche und unseren Sportverein Grün-Weiß Hagenberg wäre das niemals möglich“, sagt Danneboom.
Aus Spenden wird das Festival finanziert, alle Gewinne fließen in die Erschließung der ehemaligen Burg. Dreimal haben die Hagenberger schon nach den Grundmauern der Pfalz graben lassen, ein viertes Mal könnte nach dem zweitägigen Fest Ende August möglich sein. „Es gab schon einige Messungen in Kooperation mit der Universität, wir geben das Vorhaben nicht auf“, sagt Leonhardt klipp und klar.
Einen Erfolg gebe es schon: Zwei Tafeln mit historischen Informationen über die Entstehung der Pfalz habe das Grünflächenamt der Stadt Göttingen bereits zugesagt, sagen die beiden.
Tempo 30 oder Spiegel?
Anders laufe das bei Straßenbeschilderungen, sind sich die beiden Hagenberger einig. An der Kurve Unter der Pfalz/Auf dem Hagen wäre etwa ein Verkehrsspiegel wichtig, um entgegenkommende Autofahrer und auch die Busfahrer sicher drumherum fahren zu lassen. „Aber dafür sind immer Anträge notwendig und wir müssen für den Vorgang Gebühren zahlen“, sagt Leonhardt.
Dasselbe gelte für Bereiche, in denen Anwohner Tempo 30 fordern. Weil sich auch die Bewohnerschaft wandele: Mehr junge Familien kauften Häuser auf dem Berg, ältere zögen weg. Hier seien unter anderem für die Sicherheit der Kinder Verbesserungen nötig.
Eine andere Baustelle steht bevor: Die Wohnungsgenossenschaft eG Göttingen plant, sieben Wohngebäude (Auf dem Hagen 6 bis 34) abreißen zu lassen und dort neue Wohnungen zu bauen. „Ich habe selbst mal in einem der Häuser gewohnt“, erzählt Danneboom, „und man heizt dort wirklich zu allen Seiten hinaus.“ Neu bauen mit Dämmung und energetisch sinnvoll wäre keine schlechte Idee. Der Anschluss an die Fernwärme bedeute zwar eine weitere große Baustelle, aber die müsse der Hagenberg in Kauf nehmen.
Dem stehen aber einige Mieter kritisch gegenüber – wie etwa Herbert Buck, der vor dem Abriss ausziehen muss. „Wir bekommen keine Ersatzwohnungen“, erzählt er. Nach und nach müssten die Bewohner der Häuser raus, aber sie fänden keinen Wohnraum für vergleichbare Preise. „Dabei sind wir doch extra in der Genossenschaft“, sagt Buck. Und es treffe aus seiner Sicht die Falschen: „Der Anteil an Menschen, die unter dem Existenzminimum leben, ist hoch hier.“
Dieses Phänomen zieht sich durch die knapp 5,5 Quadratkilometer große Weststadt. Direkt hinter dem Bahnhof beginnt das Gebiet, streckt sich seitlich bis zum Stadtfriedhof und den Maschmühlenweg entlang zur Gartenkolonie an der Masch, hoch auf den Hagenberg und Holtenser Berg, wieder hinunter ins Industriegebiet. Die Otto-Brenner-Straße trennt den Bezirk von Grone.
Hagenweg 20 fast aufgekauft durch Stadt Göttingen
Wohnen ist an einigen Ecken bezahlbar, sozialer Wohnungsbau durchzieht den Stadtteil. Bekannt sind aber auch die Immobilien, die regelmäßig für Negativschlagzeilen sorgen – unter anderem der Hagenweg 20. Dieser Wohnkomplex ist nur noch von wenigen bewohnt, die Stadt hat schon fast alle Appartements darin aufgekauft. Abriss oder Sanierung, dieser Frage muss sich die Städtische Wohnungsbau GmbH stellen, sobald die Stadt Göttingen Alleineigentümerin ist.
Das Blümchenviertel daneben hat ebenfalls nicht den besten Ruf. Dabei ist es ein schöner Stadtteil, sagt Sanierungsmanager Tölke. Und seine Kollegin Wagner sagt: „Wenn ich nicht hier arbeiten würde, würde ich auch direkt herziehen.“ Kinder spielen auf dem Weststadtplatz und an den Leineauen. Die bunten Hausfassaden tragen zum Wohlgefühl bei. Nachts kann das anders aussehen. Konflikte zwischen Anwohnern und Jugendlichen – „manchmal knallt es“, sagt Tine Tiedemann. Sie ist Geschäftsführerin der Musa, die aber auch sonst ein offenes Ohr für die Anwohner hat.
„Man darf eben nicht alle Menschen mit Suchtkrankheiten und die, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind, in die gleiche Straße packen und dann keine zusätzlichen Sozialarbeiter einstellen“, sagt Tiedemann. Denn daraus entstehe das Bild der Weststadt als Problemstadtteil. Die Gemengelage von städtischer Notunterkunft am Maschmühlenweg und der Heilsarmee direkt daneben am Neuen Weg, einem Bordell gegenüber und alten Plattenbauten neben chicen Neubauten sei ohne weitere Sozialarbeiter und Dolmetscher im Stadtteil kaum in den Griff zu bekommen. „Wir haben hier eine sehr diverse und internationale Bevölkerung und können viele Begegnungsräume schaffen“, sagt sie.
Der Frage, wie das besser laufen kann, müssten sich die Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl stellen, sagt Radinger. „Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot sind hier ein Thema, das angegangen werden muss.“ Denn manches könnten die Bewohner nicht selbst lösen.
Dabei wollen sie partizipieren, sagt Wagner. Zu einer Müllsammelaktion kamen spontan mehr als 30 Anwohner und räumten auf. Und auch von außen kommen Angebote wie die Mädchengruppe der Falken seit 2020, die sich regelmäßig im Rosenwinkel trifft. „Es ist ein toller Stadtteil im Wandel – und jetzt, wo das Weststadtzentrum wieder offen hat, haben wir auch die Räume für die Leute vor Ort“, sagt Wagner.
Quellenangabe: Göttinger Tageblatt vom 18.04.2026, Seite 16